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Zero Waste mit Baby

Stoff statt Plastik

Müll vermeiden mit Baby? Wie du trotz der neuen Umstände nachhaltig leben kannst, erfährst du hier.

Zwischen Wegwerfwindeln und „windelfrei“, zuckerfreien Dinkelkeksen und Plastik-Quetschies. Müll vermeiden mit Baby, geht das überhaupt? Von Olga Witt bekommen wir auf die Frage ein klares „Ja!“ als Antwort. Sie betreibt die beiden Unverpacktläden „Tante Olga“ in Köln und hat mittlerweile zwei Bücher zum Thema Zero Waste geschrieben. In ihrem ersten Buch, „Ein Leben ohne Müll“ beschreibt sie ihren eigenen Weg mit Zero Waste, in „Zero Waste Baby“ teilt sie ihre Zero Waste Erfahrungen mit ihrem ersten Kind. Im Interview mit uns erzählt Olga, wie ihr Kind ihren nachhaltigen Lifestyle beeinflusst hat, welche Alternativen jeder umsetzen kann und welche Must-haves in Wahrheit nur Marketing-Maschen sind.

Frau Witt, Sie gelten als Zero Waste-Pionierin und Vorreiterin der Nachhaltigkeitsbewegung. Wie sind Sie selbst das erste Mal mit dem Thema Nachhaltigkeit in Berührung gekommen?

Olga Witt: Eigentlich von Geburt an. Meine Eltern haben mich und meinen Bruder schon deutlich bewusster aufgezogen, als es zu der damaligen Zeit üblich war. Wir hatten Stofftaschentücher, wiederbefüllbare Trinkflaschen und Brotdosen, statt Butterbrotpapier, Strom und Wasser sparen wurde mir in die Wiege gelegt. Wir haben in meiner Kindheit sogar zusammen gegen eine Müllverbrennungsanlage demonstriert. Viele Sachen gab es bei uns aus Prinzip auch nicht, wie Nutella und Cola. Ich fand das nie doof. Meine Eltern haben es irgendwie hinbekommen, dass ich stolz darauf war aus gutem Grund anders zu leben. Das hat mir sicher sehr geholfen, aber heute selbstbewusst damit umzugehen, vom Mainstream abzuweichen.

Dieses Bewusstsein flachte in der Jugend ab. Ich hatte nur noch Quatsch im Kopf und auch meine Eltern waren in ihren Bemühungen frustriert. Erst mit eigenem Haushalt und selbstständigem Denken, kamen meine Wurzen langsam wieder zum Vorschein. Die entsprechenden Taten habe ich über Jahre Stück für Stück in mein Leben eingebaut.

Als 2016 Ihr eigenes „Zero Waste Baby“ geboren wurde, wie hat das Ihr Leben beeinflusst und vor welche neuen Herausforderungen hat Sie das Leben mit Baby gestellt?

Zero Waste mit der Familie
Zero Waste Family I Bild: Olga Witt

Ein Kind zu bekommen ist der größte Einschnitt im Leben, den man sich überhaupt vorstellen kann. Egal, ob mit oder ohne Müll. Seine eigenen Bedürfnisse so vollkommen in den Hintergrund zu rücken und über Jahre hinweg immer zwei Gedankenstränge im Kopf zu haben (den eigenen und einen für das Wohlbefinden des Kindes) hätte ich mir so nie vorstellen können. Auch eine Nacht durchgeschlafen habe ich seit der Geburt nicht mehr.

Was das Müllthema angeht, war das eher unkompliziert. Da ich vorher nie ein Müll-Baby hatte und keine Zeit hatte, Babyzeitschriften zu lesen, wusste ich gar nicht so genau, was man sich alles Verrücktes anschaffen kann, wenn man ein Kind kriegt. Außer einem Tragetuch und verschiedene Sorten Stoffwindeln habe ich nichts vorbereitet. Ich habe mich ganz auf meine mütterlichen Instinkte verlassen und immer erst etwas angeschafft, wenn der Bedarf wirklich da war. Das war dann gar nicht so viel.

Dass Wegwerfwindeln Spitzenreiter sind, was die Müllproduktion von Babys angeht ist wahrscheinlich den meisten klar. Was kommt (überraschenderweise) auf Platz 2?

Spielzeug, unnötige Möbel und Feuchttücher schätze ich. Oder auch Pflegeprodukte, die das Kind gar nicht braucht. Ein immer wiederkehrendes Kernthema meines Buchs „Zero Waste Baby“ ist es, wie wenig man eigentlich braucht. Und, dass ein Zero Waste Baby, ganz und gar nicht mehr Aufwand ist, als ein „Standard-Baby“, weil man so vieles einfach weglassen kann. Das macht das Leben mit Baby und Kind auch deutlich günstiger.

Zuhause lässt es sich ja meistens einfacher Zero Waste leben als unterwegs. Wie schwierig ist es, nachhaltig mit Kind unterwegs zu sein und was gehört dabei auf jeden Fall in die Tasche?

Das ist sehr schwierig kurz zu beantworten. Es kommt sehr darauf an, wie man unterwegs ist, was für ein Kind man hat und welche Ansprüche man hat.

Wer nicht komplett windelfrei lebt, braucht natürlich immer eine Stoffwindelausrüstung. Was man auf jeden Fall zu Hause lassen sollte (bzw. am besten auch zu Hause rausschmeißt) ist eine übertriebe Form von Reinlichkeit, Perfektionismus und Scham. Das wichtigste, was Kinder brauchen, ist die Zuneigung der Eltern. Und das ist nicht nur so ein Gerede, sondern wirklich wahr.

Reisen bzw. Urlaub machen ist an sich schon nicht sonderlich nachhaltig. Viel interessanter als die Müllfrage ist hier wohl eher wo man was für einen Urlaub macht und vor allem das Fliegen vermeidet. Kindern ist es tatsächlich ziemlich egal, ob sie in Holland oder Thailand im Sand buddeln.

Verpackungsfreies Leben, Stoffwindeln auf Wäscheständer
Windelwäsche I Bild: Olga Witt

Welche Zero Waste Swaps speziell für Babys und Kleinkinder kann man in Ihrem Unverpacktladen kaufen?

Zuerst muss man, glaube ich, verstehen, dass man gar nicht so viel Spezielles für Babys und Kleinkinder kaufen muss. Das meiste sind von der Werbung kreierte Bedürfnisse, auf die wir alleine gar nicht kämen. Dementsprechend haben wir bisher auch nichts Spezielles im Laden. Außer Dinkelkekse ohne Salz und Zucker 😉

Wir überlegen, Stoffwindeln und Waschlappen ins Sortiment aufzunehmen, konnten uns bei ersterem bisher aber nicht entscheiden, welche. Das meiste, was man für Kinder braucht kauft man am besten sowieso gebraucht oder reicht es im Bekanntenkreis herum.

Sie bieten auch Kurse zum Thema Wickeln mit Stoffwindeln an, welche Unsicherheiten herrschen Ihrer Erfahrung nach noch häufig in diesem Bereich und was sind die häufigsten Fragen der Eltern?

so werden Babys schneller trocken: windelfrei und abhalten
Abhalten zum schnelleren Trockenwerden
Bild: Olga Witt

„Ist das nicht viel zu aufwendig?“ Ist natürlich der unangefochtene Klassiker. In unseren Kursen geht es vor allem nicht nur um Windeln, sondern auch um „windelfrei“. Also dem Baby die Möglichkeit zu geben, frei auszuscheiden und sich nicht im Liegen in die Hose machen zu müssen. Das ist nicht nur deutlich menschenwürdiger, es erleichtert auch die Arbeit mit dem Waschen und macht die Kinder sehr schnell trocken. Unser Sohn brauchte mit 1,5 Jahren keine Windeln mehr (und er war spät dran). Das bedeutet dann sehr bald schon deutlich weniger „Arbeit“ als 3 oder 4 Jahre die Windeln wechseln zu müssen.

Mit Zero Waste geht ja häufig auch eine Art Perfektionismus einher. Wie entspannt oder unentspannt gehen Sie an die Sache heran und hat sich diese Einstellung mit Kind geändert?

Viele Menschen neigen dazu, Dinge „ganz oder gar nicht“ zu machen. Man ist auch eher selten nur ein bisschen vegetarisch oder vegan. So ist das bei Zero Waste auch. Wenn man einmal etwas für richtig und wichtig eingeordnet hat, macht es einem den Alltag deutlich leichter. Man muss sich einfach nicht so oft entscheiden. So war es bei mir anfangs auch, gepaart mit einer gehörigen Portion Ehrgeiz. Es hat mir auch einfach immer viel Spaß gemacht, neue Lösungen zu finden.

Mit Kind und auch mit dem Unverpacktladen habe ich viel über Verhältnismäßigkeit gelernt. Müll ist zwar ein großes Problem, aber eben auch nicht das einzige auf unserer Erde. Viel wichtiger als der Müll den wir sehen, ist die Verschwendung unserer Ressourcen. Deshalb geht es auch nicht nur um Verpackungsmüll, sondern um alle Gegenstände, die wir kaufen und entsprechend irgendwann entsorgen. Um meine eigenen Kräfte zu schonen, kann ich mittlerweile auch wieder ein bisschen Müll machen, habe aber immer das große im Hinterkopf.

Ein eigenes Kind zu bekommen hat mich jedenfalls jeden Tag aufs Neue in meinem Tun bestärkt, weil ich es letztlich auch für seine Zukunft mache. Ich verzichte gerne auf den ein oder anderen Luxus, wenn ich weiß, dass dafür mehr für mein Kind übrigbleibt. Ich möchte ihm auch das gleiche Selbstbewusstsein mitgeben, anders sein zu dürfen, was meine Eltern mir mitgegeben haben. Aber vielleicht braucht er das auch gar nicht zu sein, weil es Mainstream wird, Enkeltauglich zu leben.

Unser Fazit:

Wie man sieht, ist es gar nicht so schwer, auch mit Baby Müll zu vermeiden. Viele Dinge, die uns die Werbung suggeriert, brauchen wir und vor allem unsere Kinder gar nicht. Olga hat sich bei ihrem Kind auf ihre mütterlichen Instinkte verlassen und damit vollkommen richtig gelegen.

Am einfachsten Umzusetzen ist Zero Waste beim Thema Wickeln. Stoff- statt Plastikwindeln und „windelfrei“ auszuprobieren sind ein guter Anfang. Die Pflegeprodukte kann man auf ein Minimum beschränken und Waschlappen statt Feuchttücher verwenden. Niemand muss perfekt sein, aber wenn wir alle das große Ganze im Hinterkopf haben, ist schon ein wichtiger Schritt getan.

Zero Waste im Kleiderschrank? Warum es sich lohnt, Babykleidung zu mieten statt neu zu kaufen.

Autorin: Svenja Kopp I Symbolbild: Unsplash

Über den Autor

Redaktion GreenKIDZ.de

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