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Vegan für Schwangere und Kinder. Gesund oder gefährlich?

Vegane Kinderernährung?

Kinder vegan ernähren? Vegan durch die Schwangerschaft? Noch immer werden Eltern verunsichert. Dabei ist vegane Ernährung weder gefährlich noch kompliziert!

Vegane Ernährung für Familien, das heißt in Schwangerschaft und Stillzeit sowie für Kinder, steht noch immer in der Kritik. Eltern werden verunsichert, im Familien- und Bekanntenkreis finden sich plötzlich zahlreiche selbsternannte Nährstoff-Experten und auch Ärzte raten häufig von einer pflanzlichen Ernährung in diesen Lebenslagen ab. Es fallen Begriffe wie Mangelernährung oder Fehlentwicklung und natürlich will man alles richtig machen. Aber bedeutet richtig = Milch, Eier und Fleisch? Carmen Hercegfi ist Ernährungsberaterin für vegane Familien und sagt: nein. Vegane Ernährung kann in jeder Lebenslage genauso gesund, wenn nicht sogar gesünder, sein wie eine Mischkost. Vollwertig muss sie sein und alle Nährstoffe abdecken. In ihrem Coaching hilft sie Familien, genau das zu erreichen und mit „Vegan in anderen Umständen“ und „Vegan für unsere Sprösslinge“ hat sie zwei Ratgeber und Kochbücher zu dem Thema geschrieben.

In unserem Interview erzählt sie uns, was man in der Schwangerschaft und in der Stillzeit beachten muss und welche Nährstoffe Eltern von veganen Kindern besonders im Blick behalten sollten, damit einer gesunden Entwicklung nichts im Weg steht.

GreenKIDZ: Frau Hercegfi, Sie waren auf dem deutschsprachigen Markt eine der ersten veganen Ernährungsberater*innen. Wie ist es dazu gekommen? Was waren Ihre Beweggründe und wie sieht Ihr Werdegang aus?

Bild: Jana Richter

Carmen Hercegfi: Vor allem war ich quasi die Erste, zumindest sind mir keine anderen bekannt, die sich ausschließlich auf die vegane Familienernährung, spezialisiert hat. Zu diesem Zeitpunkt gab es kaum Ernährungsberater, die dieses heiße Eisen überhaupt angefasst haben. Ich hatte mich entschieden, tatsächlich nur zu diesen Themen zu beraten, um ganz tief einsteigen zu können. Ich komme eigentlich aus der Eventbranche und hatte zuvor jahrelang erfolgreich als Immobilienmaklerin gearbeitet. Aus gesundheitlichen Gründen habe ich mich selbst bereits viele Jahre zuvor rein pflanzlich ernährt und mich viel mit Nährstoffen beschäftigt. Mit meiner 2. Schwangerschaft wollte ich es genauer wissen, denn ich habe in Deutschland keine Bücher dazu gefunden. Also habe ich beschlossen diese Lücke zu schließen und ein Buch zu schreiben. Dafür musste ich jedoch erstmal eine Basis schaffen und habe eine Ausbildung zur ganzheitlichen Ernährungsberaterin absolviert. Parallel habe ich diverse Seminare und Weiterbildungen besucht, um die vegane Spezialisierung auf Familien zu erlangen.

„Damals“ gab es im Gegensatz zu heute noch kein Angebot für vegane Ernährungsberaterausbildungen. Ich bin aber nicht unglücklich darüber, denn so hat sich bei mir eine ganz besondere Kombination von Weiterbildungen angesammelt, die ein sehr umfangreiches und stimmiges Gesamtbild ergeben. Auch aktuell bilde ich mich regelmäßig weiter und stecke immer noch in der Ausbildung zur Heilpraktikerin, was alleinerziehend und selbstständig ein längeres Unterfangen ist.

Wie kann man sich eine Ernährungsberatung bei Ihnen vorstellen?

Die Beratungen/ Coachings sind bei mir über die Webseite buchbar. Terminauswahl und Bezahlung konnte ich inzwischen komplett automatisieren, damit im Vorfeld nicht 10 E-Mails hin- und hergehen. Die Klienten bekommen automatisch einen Fragebogen, in dem ich die familiäre Situation, Erkrankungen, Supplemente, Ernährungsweise und vor allem Fragen, Ziele und Wünsche erfrage. Mit diesem Bogen kann ich mich schon perfekt auf das Gespräch vorbereiten.

Wie die Beratung am Ende abläuft, hängt vom Umfang ab. Gibt es nur einzelne Fragen, besteht mein Job eigentlich nur darin, diese einzelnen Fragen gezielt zu beantworten. Fehlt Struktur oder Basis, müssen wir natürlich tiefer einsteigen, Ernährungs- und Einkaufsgewohnheiten abfragen, Alltagsroutinen im Familienleben und vieles mehr. Natürlich gehört auch immer das Thema Nahrungsergänzung mit dazu. Meistens gibt es noch Dinge zu optimieren. Die Bestimmung und Auswertung von Blutwerten in Bezug auf Nährstoffe gehört auch dazu. Diese sind auch eine gute Basis, um die Ernährungsempfehlungen weiter zu spezialisieren.

“Vegan für unsere Sprösslinge”

Meistens sind es Fragen, in denen wir überwiegend im Beratungskontext sind. Bei manchen Fragen gehe ich mit den Klienten aber auch in ein Coaching-Setting, wenn das gewünscht ist. Gemeinhin wird das ja nicht unterschieden und auch auf meiner Webseite steht „Coaching“, doch zum Beispiel bei der Frage nach der empfohlenen B12- Supplementierung bringt es wenig, wenn ich den Klienten nach seinen Zielen frage. Beim Thema im Umgang mit der Familie, mit der Ernährung in der Kita usw., hat sich das hingegen schon bewährt. Durch meine Ausbildungen kann ich zwischen beiden Settings wechseln, um das Optimum für die Familien rauszuholen.

Welche gesundheitlichen Vorteile bietet eine vegane Ernährung?

Ob es gesundheitliche Vorteile bringt, hängt insbesondere davon ab WIE die vegane Ernährung umgesetzt wird. Man kann sich den ganzen Tag vegan von Fertigpizza, Pommes, Eis und Torte ernähren. Dann gibt es sicherlich keine Vorteile, sondern Nachteile. Wenn man aber den Fokus auf eine vollwertig pflanzliche Ernährung legt, wirkt sich das häufig sehr positiv auf die Verdauung sowie auf ein gesundes Körpergewicht aus. Diese beiden Faktoren sind maßgeblich für viele Zivilisationskrankheiten verantwortlich.

Ein klassisches Beispiel dafür ist das metabolische Syndrom, auch das tödliche Quartett genannt, bei dem es zu starkem Übergewicht mit bauchbetonter Fetteinlagerung, zu Bluthochdruck, einem gestörten Zuckerstoffwechsel (Diabetes Typ2) oder einem gestörten Fettstoffwechsel kommt. Jede einzelne dieser Erkrankungen ist für sich genommen schon problematisch, doch je mehr davon zusammenkommen, desto größer ist das Risiko an den Folgen zu versterben. Man spricht bei diesen Erkrankungen auch von Wohlstandserkrankungen, weil sie Folgen eines modernen Lebensstils sind, die aufgrund zu wenig körperlicher Bewegung und Fehlernährung entstehen. Mit einer vollwertig pflanzlichen Ernährung können derartige Erkrankungen verhindert oder sogar, je nach Stadium, geheilt werden. Die Studienlage ist manchmal nicht ganz eindeutig und eine vegane Ernährung schneidet nicht unbedingt zwangsläufig besser ab, was an der nicht festgelegten Definition liegt. Eine vegane Ernährung bedeutet ja nur das Weglassen jeglicher tierischen Produkte und lässt damit eben eine große Bandbreite an möglichen Ernährungsweisen zu.

Bild: Oliver Reetz

Vegane Ernährung in der Schwangerschaft und Stillzeit, was gibt es da besonders zu beachten?

In einer veganen Schwangerschaft und Stillzeit sollte unbedingt auf die Umsetzung einer vollwertig pflanzlichen Ernährung geachtet werden. Während der Schwangerschaft steigt der Nährstoffbedarf im Vergleich zum Kalorienbedarf deutlich an. Daher ist es umso wichtiger Lebensmittel mit hoher Nährstoffdichte zu verzehren. Dazu gehören Hülsenfrüchte, Vollkorngetreide, Nüsse und natürlich sowieso Obst und Gemüse. Der Kalorienbedarf steigt nur um etwa 250 Kalorien, während wesentlich mehr Nährstoffe benötigt werden. Das ist nur zu schaffen, wenn auf eine vollwertige Ernährung geachtet wird. Das betrifft übrigens Vegetarier und Mischköstler genauso.

Die Stillzeit hat noch einmal eine Sonderrolle, denn der Nährstoffbedarfsteigt, mit Ausnahme von Eisen, noch einmal weiter an. Dafür kann Frau dann auch für eine gute Milchproduktion 650 Kalorien täglich zusätzlich aufnehmen, um den Nährstoffbedarf zu decken.

Vegane Ernährung muss nicht kompliziert sein! Bild: Lars Walther

Vor allem, wenn es um Kinder geht, herrscht oft Unsicherheit in Bezug auf eine vegane Ernährung. Und auch Ärzte sprechen sich häufig gegen eine vegane Kinderernährung aus und tragen so zu dieser Unsicherheit noch zusätzlich bei. Welche Ängste haben Eltern in der Regel und welche Fragen bekommen Sie am häufigsten gestellt?

Kinder haben im Vergleich zur Körpergröße und Gewicht einen recht hohen Nährstoffbedarf und gleichzeitig noch keine Speicher ausgebildet. Fehlernährung kann sowohl die geistige als auch die körperliche Entwicklung beeinträchtigen. Veganen Familien fehlt oft die medizinische Unterstützung und zusätzlich hören sie viele Warnungen. Das liegt natürlich daran, dass Ernährung im Medizinstudium leider keine Rolle spielt und auch Ernährungswissen und neue Erkenntnisse aus Studien länger brauchen bis sie an Universitäten gelangen.

Dazu kommen die Warnungen in der medizinischen Fachpresse. Auch dort wird die vegane Ernährung insgesamt, aber vor allem in sensiblen Lebensphasen, überwiegend kritisch betrachtet. Das zeigt schon ein Blick in das Doc-Check-Portal, für das sich medizinisches Fachpersonal registrieren kann. Aus meiner Erfahrung gibt es aber auch hier einen Trend und immer mehr Ärzte beschäftigen sich mit dem Thema Ernährung. Diese sind dann viel offener und können eher weiterhelfen, statt vorzuverurteilen.

Eltern haben eigentlich genau die Ängste, die in der Presse immer geschürt werden: Fehlentwicklung, Erkrankungen etc. Entsprechend beziehen sich die meisten Fragen auch auf die richtige und sichere Nährstoffversorgung.

Ihr Buch “Vegan in anderen Umständen” I Bild: Jana Richter

Was muss man beachten, wenn man sein Kind vegan ernähren möchte? Was sollte supplementiert werden und gibt es eine Entwicklungsphase, die „am kritischsten“ ist, das heißt, in der besonders auf bestimmte Nährstoffe geachtet werden sollte?

Grundsätzlich müssen natürlich immer alle Nährstoffe zugeführt werden. In der veganen Ernährung sollten auf jeden Fall die potentiell kritischen Nährstoffe Protein, Vitamin B12, Vitamin D, Vitamin B2, Calcium, Eisen, Zink, Jod, Selen und Omega-3 besonders beachtet werden. Das klingt auf den ersten Blick viel, jedoch müssen wir uns bewusst machen, dass es in jeder Ernährungsweise potentiell kritische Nährstoffe gibt. Wir sprechen also überwiegend von einer Verschiebung der potentiell kritischen Nährstoffe.

Eine Sonderstellung nimmt B12 ein, dass bei einer veganen Ernährung im Prinzip gar nicht vorkommt (mit sehr wenigen Ausnahmen, die jedoch nicht bedarfsdeckend sind). Das muss zwingend supplementiert werden. Darüber hinaus sollte Vitamin D eingenommen werden. Das betrifft jedoch jede Ernährungsform. Omega-3 – und hier besonders EPA und DHA sollten über ein Algenöl zugeführt werden. Dies gilt auch für jegliche Kinder, die keinen Fisch (oder auch nur Fischstäbchen) essen. Inwiefern die anderen Nährstoffe ausreichend über die Ernährung gedeckt werden können, oder ob auch noch eine Ergänzung Sinn macht, muss im Einzelfall abgewogen werden. Dazu gibt es verschiedene Aussagen und Ansätze, die jedoch hier den Rahmen sprengen würden.

Die sensibelste Phase betrifft eigentlich Mäkelesser, die zusätzlich viele Nahrungsmittel aus Angst und aufgrund schlechter Erfahrungen ablehnen. Diese Phase beginnt bei den meisten Kindern mit 1,5 Jahren und kann über mehrere Jahre anhalten. Hier muss man wirklich sorgsam begleiten und vor allem richtig, damit die Kinder sich möglichst schnell an neue Lebensmittel gewöhnen und die Auswahl nicht zu sehr eingeschränkt wird. Auch das ist ein sehr umfangreiches und für sich sehr spannendes Thema.

Das Themenfeld der veganen Ernährung ist noch lange nicht ausgeschöpft und immer wieder gibt es neue wissenschaftliche Erkenntnisse. In welche Richtung wollen Sie sich zukünftig noch weiter fortbilden?

Wie ich eingangs schon sagte, befinde ich mich immer noch in Heilpraktikerausbildung, die ich hoffentlich in Kürze wieder aufnehmen kann. Ich möchte das Thema noch tiefer durchdringen und sicherer machen. Mich interessiert vor allem die therapeutische Arbeit mit Ernährung und Mikronährstoffen. Prävention ist super, aber Heilung durch unser Essen wie Hippocrates schon sagte, fasziniert mich besonders.

“Let food be thy medicine and medicine thy food.”

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Ein Interview geführt von Svenja Kopp I Symbolbild: Unsplash

Über den Autor

Redaktion GreenKIDZ.de

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