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Konzept Begegnungshof: Tieren auf Augenhöhe begegnen

Kinder lieben Tiere. Aber lieben Tiere auch Kinder? Was ein Begegnungshof ist und wie beide sich auf Augenhöhe statt hinter Gittern begegnen können, erfährst du hier.

Für Kinder ist die Begegnung mit Tieren immer etwas Besonderes. Der erste Impuls ist dabei meist ein Zoobesuch, obwohl die Begegnung dabei selten auf Augenhöhe stattfindet und auch der Lernfaktor relativ gering ist. Anders ist es bei HerzBerg Herdecke. Nic Koray gründete den mobilen Begegnungshof mit dem Ziel, Menschen und „Nutz“-Tiere wieder näher zusammenzubringen. Bei ihr leben rund 40 Tiere, denen man auf verschiedenen Wegen begegnen kann. Viele stammen aus dem Tierschutz oder wurden vor der Schlachtung gerettet. Wichtig ist ihr dabei, dass beide Parteien, Mensch und Tier, sich wohlfühlen und, dass wir Menschen unsere Verbindung zur Natur wiederentdecken. Welche Angebote es bei HerzBerg Herdecke gibt und was genau hinter dem Begegnungshof steckt, erzählt uns Nic Koray im Interview.

GreenKIDZ: Frau Koray, HerzBerg Herdecke ist ein mobiler Begegnungshof. Was genau kann man sich darunter vorstellen?

Nic Koray: Ich gründete HerzBerg Herdecke, Tiergestützte Intervention & Umweltpädagogik, im Januar 2019 und im Mai 2019 qualifizierten wir uns mit unserer Arbeit und der artgerechten Tierhaltung als Begegnungshof der Stiftung Bündnis Mensch & Tier, ein Ort, an dem die achtsame Begegnung zwischen Mensch und Tier „auf Augenhöhe“ eines der Hauptanliegen ist. Zu den Mitarbeitern gehören Hunde, eine Katze, Kaninchen, Meerschweinchen und allen voran die HerzBerg-Hühner und die HerzBerg-Schafe, da wir die Zeit mit den sogenannten „Nutz“-Tieren als besonders wirkungsvoll, auch im Hinblick auf eine nachhaltige Lebensweise, erachten. Der Begegnungsraum für Menschen mit besonders zutraulichen Hühnern oder Schafen ist im alltäglichen Leben eher nicht vorhanden. Umso wirksamer ist das Erlebnis, solchen Wesen ausführlich ganz nah zu kommen und viel über ihre artgerechte Lebensweise zu erfahren.

Mobil ist unser Begegnungshof dahingehend, dass es sich nicht um einen Bauernhof im eigentlichen Sinne handelt, sondern dass wir mehrere Standorte haben und uns immer da aufhalten, wo die Schafe der Vegetation entsprechend gerade sind – die Weiden sind nahe beieinander gelegen und bewusst naturbelassen, es gibt einfache Sitzplätze, eine Feuerstelle, einen Unterstand- ansonsten kann die Natur frei wirken, außerdem haben wir zahlreiche mobile Angebote und kommen mit den Tieren (die darauf trainiert sind)auch in die Einrichtungen.

Welche verschiedenen Möglichkeiten der Begegnung gibt es auf Ihrem Hof? 

Wir haben zahlreiche Angebote mit unterschiedlichen Schwerpunkten mit den verschiedenen Tieren:

  • Angebote für Schulklassen und Kindergärten, die die Begegnung und Versorgung der Tiere, den achtsamen Umgang mit der Natur, im Fokus haben und durch künstlerische Elemente wie Lieder, Geschichten, unsere Handpuppen Schnauz & Schnabel und das Arbeiten mit Wolle bei den Schafen noch vertieft werden
  • Mobile Besuche in Schulen, Kindergärten und Seniorenheimen
  • Filzkurse und Färberkurse
  • Einzelförderung für Menschen mit besonderem Förderbedarf,
  • Jahreszeitenfeste und Schäfergeburtstage auf der Schafweide,
  • Ferienbetreuung

Die Angebotsliste ist noch länger – auf der Homepage www.herzberg-herdecke.de kann man alles ausführlich lesen. Das besonders Wirksame an den Angeboten ist das intensive Eintauchen in die Begegnung mit den sehr zutraulichen und kontaktfreudigen Tieren und mit der unberührten Natur – als Einzelperson, in Kleingruppen oder mit großen Gruppen, je nach Angebot. Auch Fortbildungen, Feiern und Exkursionen von Firmen finden bei uns statt. Die Menschen wenden sich wieder bewusster der Natur zu und das ist gut so!

Ihr Angebot richtet sich sowohl an Erwachsene als auch an Kinder. Wie würden Sie sagen, begegnen Kinder Tieren? 

Kinder gehen grundsätzlich eher unbefangen und vorurteilsfrei auf Tiere zu und begegnen ihnen meist auf Augenhöhe und von ganzem Herzen. Da sich ihr intellektueller „Überbau“ je nach Persönlichkeit und Alter noch in Grenzen hält, kann der Kontakt oft ganz frei und „mitfühlend“ sein und es ist den Kindern ein Grundbedürfnis, die Tiere zu versorgen und in Beziehung zu ihnen zu treten. Das ist für beide Seiten sehr heilsam. Sie sind begeisterungsfähig und fantasievoll und tauchen so in die verschiedenen Arbeiten, in die Lieder und Geschichten rund um das Thema Tier ein und nehmen nachhaltig Erlebtes mit nach Hause, was lange nachwirken kann.

So können sie sich ein Bild machen, wie artgerechte Haltung von Tieren und ein achtsamer Umgang mit ihnen aussehen sollte und wo tierische Produkte wie Eier und Wolle (in anderen Zusammenhängen Milch und Fleisch) herkommen und dass auch „Nutz“-Tiere sehr individuelle Lebewesen mit Bedürfnissen, persönlichen Eigenarten sind und in engem Familienverband leben.

Sollten Ängste oder andere das Erleben beeinträchtigende Gefühle oder Verhaltensmuster bestehen, sind diese bislang bei uns immer überwunden worden, denn die Tiere – egal ob Hund, Huhn, Schaf oder Kleintier – wirken durch ihre zutrauliche, ruhige Art vertrauensfördernd und machen Lust auf den innigen Kontakt. Jede Tierart auf ihre individuelle Weise und zudem noch jedes einzelne Tier mit seinem ganz eigenen Charakter und Verhalten.  Hierbei sei natürlich gesagt, dass Kinder immer zu einem respektvollen Umgang angehalten werden und dazu, die Grenzen des Gegenübers zu achten. Daher werden bei uns Umgangsregeln vor dem ersten Kennenlernen auf anschauliche Weise nähergebracht, so dass die Kinder verstehen, warum die Tiere nicht verfolgt werden dürfen oder warum eine Begegnung mit Ruhe für alle Seiten kostbarer ist.

Würden Sie sagen, dass ein Besuch bei HerzBerg Herdecke das ökologische Bewusstsein von Kindern stärkt?

Ja, das würde ich sagen, denn der intensive Kontakt zu den zutraulichen Tieren und auch die Inhalte unserer selbstgeschriebenen Geschichten und Liedern, die wir bei den Schafen auf der Weide oder bei unseren Besuchen mit den Hühnern in den verschiedenen Einrichtungen teilen, setzen sich mit dem Thema „Achtsamer Umgang mit der Natur“ auf die eine oder andere Weise auseinander, ohne aufdringlich zu sein, und durch die Augen der Tiere spricht dieses Thema grundsätzlich immer zu uns.

Den sogenannten „Nutz“-Tieren so vertraulich, innig und hautnah zu begegnen, in ihrem Beisein ihr Geschenk an uns, die „Rohwolle“ zu verarbeiten und etwas Kostbares daraus herzustellen, die Stimmung der Dankbarkeit und des Staunens über die Wunder der Natur, kann bestenfalls den täglichen Blick auf die uns umgebenden Schätze schärfen und den Wunsch, diese zu bewahren und zu schützen, befeuern.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit bei HerzBerg Herdecke?

Nachhaltigkeit spielt bei uns eine große Rolle, denn eine nachhaltige Lebensweise möchten wir vorleben und damit die Menschen inspirieren. Unsere Tierhaltung ist schlachtfrei, wir bewahren mit unserer Erhaltungszucht die gefährdete Rasse der Krainer Steinschafe, wir erreichen alle Weiden fußläufig, wir nutzen Naturstrom, ernähren uns vegetarisch und verwenden nur Bioprodukte, wir versuchen Verpackungsmüll zu vermeiden, bei der Landschaftspflege greifen wir nicht durch Dünger etc. in die ökologischen Zusammenhänge ein, wir legen Blühstreifen als Bienenweiden an, setzen naturbelassenes Futter ein, rufen immer wieder Baumpflanzaktionen und andere Aktionen ins Leben, sind jedes Jahr mit einem Stand bei Deutschlands größter Nachhaltigkeitsmesse „Fair Friends“ vertreten  und wir versuchen durch Angebote zur nachhaltigen Bildung Impulse zu setzen, um nachhaltiges Handeln zu fördern.

Welche Tiere leben aktuell auf dem Begegnungshof und wie sind sie zu Ihnen gekommen?

Fast vierzig Tiere leben bei uns, darunter der lang erfahrene Schulhund Lana, Bearded-Collie-Mix, die vor 6 Jahren bei unserer Nachbarin geboren wurde, seitdem bei uns ist und die eine sehr vertrauliche Beziehung mit den Schafen pflegt und der 8 Monate alte Border Collie Enyo, den wir im Januar 2020 aus dem Tierheim aufgenommen haben und der zum Hütehund und Therapiehund ausgebildet wird- zwei sehr angenehme liebenswerte Mitarbeiter, die fast immer mit von der Partie sind.

Die derzeit 15köpfige sehr zutrauliche Schafherde setzt sich aus 4 Merinomixen, die vor vier Jahren vor dem Schlachter gerettet wurden, 5 Coburger Füchsen und 6 Krainer Steinschafen aus der eigenen schlachtfreien Erhaltungszucht zusammen. Alle bislang bei uns geborenen Lämmer leben bei uns in der HerzBerg-Herde, die Böckchen, ziehen nach Eintritt der Geschlechtsreife zu meiner Kollegin Anna von der Lohe in die Bockgruppe mit dem Zuchtbock und betreiben dort Landschaftspflege.

Die Hühner wurden vor einigen Jahren vom Züchter geholt und auf die Menschenbegegnung trainiert, es sind bereits einige Küken bei uns geschlüpft und haben die Gruppe ergänzt, ein Hahn war dabei und führt nun die bunte, kecke Truppe hier vor Ort und bei unseren zahlreichen Einsätzen in den verschiedenen Einrichtungen an.

Die Kleintiergruppe setzt sich aus Meerschweinchen und Kaninchen zusammen, die wir nach und nach aus dem Tierschutz aufgenommen haben. Manche Kaninchen sind schon uralt.

Und nicht zuletzt Katze Moira, die sanfte Begleiterin unserer tiergestützten Förderung vor Ort, die sich mit allen Tieren gut versteht und offen und anschmiegsam auf unsere Klienten zugeht. Ein echter Schatz!

Ja, und dann leben noch einige Fische und die drei Schnecken Lilli, Laurenz und Lucky bei uns, die auch immer wieder im Zentrum des Interesses stehen.

Bei allen Einsätzen stehen tierisches und menschliches Wohl gleichermaßen im Vordergrund, nur gut trainierte und stressfreie Tiere können eine wirkungsvolle Begegnung möglich machen und gleichermaßen genießen. Der gesamte Tierbestand unterliegt regelmäßigen tierärztlichen Kontrollen.

Sie sind ausgebildete Pädagogin und haben einige Jahre an einer Waldorfschule unterrichtet. Dabei haben Sie auch das Konzept der „Grünen Waldorfschule“ entwickelt, was genau bedeutet das?

Vor meiner selbständigen Arbeit bei Herzberg Herdecke, meinem Begegnungshof, habe ich lange als Lehrerin gearbeitet, am letzten Arbeitsplatz mit Schulschafen und Lana als Schulhund. Da mir auch zu diesem Zeitpunkt die Vermittlung eines achtsamen Umgangs mit der Natur sehr am Herzen lag, engagierte ich mich an der Schule mit anderen motivierten Menschen an der Ausarbeitung und Umsetzung eines Konzeptes, welches wir „Grüne Schule“ nannten.

Es sah für alle Klassen eine feste Zeit im Stundenplan vor, in welcher regelmäßig mit den Schulschafen gearbeitet und an der benachbarten Gärtnerei gesät, geerntet, bewundert, verarbeitet und wertgeschätzt wurde, was die Erde uns schenkt. Einmal wöchentlich zog meine Klasse -und andere Klassen- singend und staunend aus, um Helfer der Natur und Tiere zu sein und wir haben diese Eindrücke auch in den anderen Fächern aufgegriffen und verarbeitet.

Die Notwendigkeit, die ökologischen Belange auch in den Klassenraum zu holen bzw. die Kinder aus dem Klassenraum in die Natur zu holen, wurde mir hier mehr als deutlich. Deshalb habe ich mich mit dieser Arbeit selbständig gemacht und konzentriere mich fortan darauf.

Neben Ihrer Arbeit auf dem Begegnungshof HerzBerg Herdecke arbeiten sie außerdem als Musikerin und Kinderbuchautorin. Inwiefern spielt Nachhaltigkeit dabei eine Rolle?

Die Themen aus der Natur, die mich schon immer bewegt haben und es auch immer weiter tun werden, zeigen sich natürlich auch in meinen Werken als Illustratorin, als Kinderbuchautorin und als Musikerin.  Immer geht es um das ganz Große im Kleinen, um das Bedeutsame im scheinbar Nebensächlichen, um die alltäglichen Wunder, die mit unserem hastigen Menschenblick manchmal schnell übersehen werden können.  Bei meinen Zeichnungen spiegelt sich das an sehr detaillierten und kindlich anmutenden Bildern und Themen wieder, ebenso wie in meinen Geschichten. In der Musik geht es immer wieder um das Thema Natur und die mal kritische, mal wohlwollende Betrachtung unserer Spezies, aber auch um das Thema Dankbarkeit und den Glauben, Dinge verändern und aus menschlichen Gewohnheiten ausbrechen zu können. Ich spiele immer wieder Konzerte, die in thematischem Zusammenhang damit stehen, so auch bei der Earth Hour in der Pauluskirche 2019.

Eigentlich blicke ich bei meiner Arbeit mit den Tieren, meiner Arbeit mit dem Pinsel, mit den Worten oder beim Songschreiben in dieselbe Richtung. Möglicherweise spielt hier meine erfüllte Kindheit, die ich damals als Staunende in der unberührten Natur der Türkei auf dem Schiff meines Vaters verbringen durfte, eine große Rolle. Ich habe Staunen dürfen, über alles, was uns umgibt, und ich habe damit niemals aufgehört. Nun möchte ich für andere einen „Raum“ zum Staunen über die Natur und ihre Wesen schaffen, welches im besten Falle ein nachhaltiges Handeln als Konsequenz nach sich zieht.

Du suchst noch Ideen für einen nachhaltigen Kindergeburtstag? Dann schau mal bei unseren Tipps vorbei!

Ein Interview geführt von Svenja Kopp I Bilder: HerzBerg Herdecke, Unsplash

Über den Autor

Redaktion GreenKIDZ.de

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